Für Max Matter (1941-2017)

Lieber Max,

wie hätte ich mir in unserer über 40-jährigen Freundschaft vorstellen können, einmal diesen Artikel schreiben zu müssen. Meine Gedanken gehen zurück an die vielen gemeinsamen Erlebnisse, beginnend in den sechziger Jahren, unserer gemeinsamen Sturm- und Drangzeit. Deine Begeisterung bei allen Unternehmungen und die Gabe, diese zu zeigen, wird unvergesslich bleiben. Sei es bei den vielen Festen, beim Klettern, den Ferien in den Dolomiten, den Gesängen mit Akkordeonbegleitung – es gäbe so viel zu erzählen.

Und so werden Dich auch all Deine Freunde in Erinnerung behalten.

Der nachfolgende Bericht, von Dir seinerzeit verfasst, sagt mehr aus als viele Worte, die ich noch zu sagen hätte.

Heli Baldauf

Max Matter Skizze

T R A U M   U N D   W I R K L I C H K E I T

An einem Mittwochabend

Ein nicht ganz zweckgebundenes Telefongespräch mit meinem Freund Heli – neue, unverhoffte Perspektiven für das Wochenende beflügeln meine Fantasie: „Ja Heli, das wäre meine Traumtour – die Knapp-Führe an der Schüsselkarspitze – weisst Du, die mit dem Bombenquergang!“

Während meine entfesselte Fantasie noch weiterklettert – durch versteckte Risse schlüpft – ausladende Überhänge raffiniert umspreizt und sich bereits im Ausstiegskamin verklemmt – hat Heli das Gespräch schon längst wieder auf lebensnahe Themen gelenkt, die ihn zur Zeit weit mehr zu beschäftigen scheinen.

Die zwei Tage danach

Fast stündlich verfolge ich am Telefon die Entwicklung der Wetterlage – alles klar?

Keineswegs, meine Kalkulationen im Büro ergeben teilweise seltsame Resultate (nicht gerade eine Garantie für einen blühenden Geschäftsgang der nächsten zwei Monate): „Laufmeterpreis multipliziert mit Anzahl Seillängen, dividiert durch den Schwierigkeits-grad 6- (den Cosinus Alpha der Reibung unter den Bruchstrich gesetzt), nochmals dividiert durch den Faktor 0,36 (= das über jeden Zweifel erhabene Können des Seilersten), resultiert die Erfolgserwartung. Diese Zahl schliesslich nochmals multipliziert mit dem Stundenansatz von Fr. 38.60 ergibt einen Offertpreis von Fr. 195.60 je Stück.
Am späteren Freitagnachmittag erlöse ich mich selbst von meiner unproduktiven Tätigkeit, packe den Rucksack und fahre zu Heli.

Samstagmorgenfrüh

Ein weisser Citroen mit URI-Kennzeichen pfeilt an der Reibungsgrenze durch die Kehren des Arlbergpasses. Der bärtige Pilot, mit verzücktem Gesichtsausdruck unter dem überdimensionierten Schild seiner Regazzoni-Kappe, kämpft auf dem letzten Millimeter des Asphaltbelages – und bleibt noch einmal Sieger.

Erschöpft lehne ich im Direktionsfauteuil des Hinterraumes und beendige soeben eine Serie von Stossgebeten, welche die letzten drei Überholmanöver gut ausgehen liessen.
Mit Yogaübungen versuche ich meinen überreizten Geist vom Geschehen auf der Strasse loszulösen.

Vier Stunden später

Langsam lichtet sich der Grauschleier vor meinen Augen – gedämpfte Stimmen im Hintergrund – ein kalkweisses Gesicht mit Helis erschrockenen Augen – langsam kehren die Fetzen der Erinnerung zurück. Warmer Sonnenschein vor der Wettersteinhütte – unter dem anspornenden Gelächter der Kameradenrunde demonstriert Heli einen seiner beliebten Tiroler Zaubertricks (der ahnungslose Gegner wird von hinten, auf halber Kniehöhe, gepackt und mit einem Ruck über die eigene Schulterhöhe aufgehoben) – diesmal als Weltpremiere vorgeführt, mit einem Rucksack- und Seilbeladenen Partner (Anmerkung des Verfassers: der Schwerpunkt liegt in diesem Fall eindeutig zu hoch und dies wird sich in der nächsten Sekunde fatal auswirken) – das dumpfe Dröhnen bei meiner anschliessenden Kopflandung auf dem solid armierten Betonboden reisst die Zuschauer von den Bänken.

Zur Mittagsstunde

Eine hölzerne Ruhebank, malerisch postiert vor dem Gedenkstein für die Bergtoten des Wettersteingebirges – bildet die Kulisse für den nicht gerade erheiternden zweiten Akt.

Ein vom halbstündigen Anstieg entkräfteter Bergsteiger wischt sich mit der Hand den kalten Schweiss von der Stirne und leert in einem Zug die Hälfte des Inhaltes einer überdimensionalen Blechflasche in die Kehle. Ein zweiter, muskulöser Typ, mit blauen Socken und leder-bestückter Bundhose, umsorgt den halb Liegenden wie eine Mutter ihr neu geborenes Kind. Adieu Wetterstein, adieu Schüsselkar – wenn ich den Blick etwas anhebe, sehe ich eines der unzähligen Broncetäfelchen: Abgestürzt in der Südwand – erfroren am Westgrat.

Am Spätnachmittag um halb fünf Uhr

Rotgelb und leicht überhängend verliert sich der Ausstiegsriss der „Spitzenstätter-Baldauf-Führe“ in den Gipfelkonturen der Scharnitzspitze. Mit sparsamen Bewegungen schiebt sich unser Seilerster Hans (man erinnere sich des Citroen-Piloten mit dem verzückten Gesichtsausdruck), unter einem Dachüberhang nach links – fädelt den einzigen Haken dieser Seillänge ein und entschwindet meinen Blicken. Leicht besorgt beobachte ich, wie sich die Seile immer weiter vom Fels ablösen.

Noch vier Meter, noch drei – zwei – ein Meter, gleichzeitig mit Heli kletternd, greife ich über die sonnenwarme Gipfelkante. Freudige Begrüssung. Gerda und Kari sind auf der Welzenbachroute aufgestiegen – der Schweizer Triumph ist komplett – die restlichen Ausländer verziehen sich Richtung Abstieg. Rasch ein Gipfelfoto – im Hintergrund der verschneite Schüsselkar-Westgrat – zart vergoldet im Abendlicht – vorne rechts, die einzige Frau im Gruppenbild – ihr Sex-Appeal dämpft die scharfkantige Nordwandstimmung.

Sonntagnachmittag

Das linke Knie gegen den Fels drücken – sorgfältig aufrichten – die Haken sind alle von unten nach oben geschlagen. Mit dem verlängerten Mittelfinger angle ich nach dem nächsten Karabiner – irgendwo über dem Überhang muss Kari einen Standplatz gefunden haben – hinter mir hängen die Seile in weitem Bogen herab und schwingen sachte im leeren Raum. Komisch, von diesem Überhang habe ich in meiner Routenbeschreibung überhaupt nichts gelesen. Dabei hat doch bis jetzt alles haargenau gestimmt.

Heute früh, zu viert am Einstieg – ehrfurchtsvoll betaste ich die berühmten Schüsselkarfelsen – jeder Quadratzentimeter ein Stück alpine Geschichte – mit Herzklopfen suche ich in der grauen Wandflucht nach Haltepunkten – (was habe ich mir da eingebrockt?)
Meine Kameraden dagegen scheinen wenig beeindruckt – Kari erzählt gerade einen Witz, dessen Pointe selbst die kühlen Einstiegsfelsen leicht erröten lassen. Endlich wird eingestiegen. Hans und Heli als erste Seilschaft, dann Kari und ich…. und dann der grosse Quergang, fast kühner noch als meine Fantasie. – Erlebte Träume – die Ver-schneidung mit den versteckten Griffen und jetzt dieser Mordsüberhang, der bei mir nirgendwo eingeplant ist. Einige Minuten später das nervenberuhigende Einklinken des Karabiners im Standhaken.
Ein paar freundschaftliche Worte mit Kari – Kari, der blonde Superman, der mit der gleichen Pulsfrequenz diese Überhänge überklettert, mit der ich am Sonntagnachmittag den Baby-Buggy (für Nicht-Familienväter: ein sportliches Kinderwagenmodell) die Pilatusstrasse hinaufschiebe.

Eine Weile später

Im Ausstiegskamin – ich setze alle Körperteile ein – gehe mit meiner ganzen Körperlänge auf Reibung und gerate immer mehr ins Bergesinnere. Draussen ein Lichtschimmer und von oben die Stimmen der Kameraden, die sich hohl an den feuchtmoosigen Wänden des Kaminspaltes zerschlagen. In wüstem Freistil kämpfe ich mich ans Licht und erwische endlich einen Griff. Gottseidank gibt es keine Augenzeugen – ein letzter Überhang schützt mich vor den Blicken meiner Gefährten.
Seelisch nun wieder im Gleichgewicht, entsteige ich mit strahlendem Siegerlächeln dem Abgrund. Top-trainiert wie ich bin, reichen die letzten Konditionsresten sogar noch für den kräftigen, vierfachen Gipfelhändedruck im warmen Gegenlicht der letzten Sonnenstrahlen.

Max Matter

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